3.1.2 Kategorie/Begriffsgruppe (Gelesen)
Definition
Eine Kategorie ist allgemein eine Gruppe oder Klasse von Dingen, die aufgrund gemeinsamer Merkmale zusammengeordnet werden. In diesem Kontext ist eine Kategorie ein Vokabularelement zur Gruppierung von Thesaurusbegriffen unter thematischen oder anwendungsspezifischen Gesichtspunkten. Sie entsprechen den Begriffsgruppen (concept groups) im ISO-Standard. Sie werden in der Regel nicht zur Indexierung verwendet.
Auszüge aus ISO 25964-2
group of concepts (3.17) selected by some specified criterion, such as relevance to a particular subject area
concept (3.17) or group of similar or related concepts (3.17) used as a division or subdivision in a taxonomy (3.83)
In a classification scheme, such a group is normally called a class.
This definition of category should not be confused with “fundamental categories”.
Terminologie
Der Ausdruck „Kategorie“ wird in verschiedenen Zusammenhängen mit jeweils leicht variierender Bedeutung verwendet. In englischsprachigen Informationssystemen haben sich „category“ oder „subject category“ für systematisierende, klassifikatorische Elemente durchgesetzt. Im Deutschen sind die Bezeichnungen „Sachgruppe“ im Bibliotheksbereich oder „Sachsystematik“ im Museumsbereich relativ gebräuchlich. Weitere Bezeichnungen sind „Mikrothesaurus, Teilthesaurus, Subthesaurus, Thema, Systematik, Fachgebiet”. ISO 25964-1 definiert ein Element „ConceptGroup“ (Begriffsgruppe), dem das Element „Kategorie“, wie es hier verwendet wird, entspricht.
„Kategorie” ist in xTree die Bezeichnung für eine Begriffsgruppe. Im Folgenden wird jedoch der Ausdruck „Begriffsgruppe” bevorzugt, weil das Element im ISO-Thesaurusstandard eindeutig definiert ist.
de: Begriffsgruppe UF Kategorie; Sachgruppe; Sachsystematik
en: concept group UF category; subject category
Erläuterung
Die hierarchische Struktur von Thesauri bietet einen logischen Zugang zu den Begriffen. Die logische Ordnung hat jedoch den Nachteil, dass Begriffe, die inhaltlich zusammenhängen, aber verschiedenen Fundamentalkategorien angehören, „auseinandergerissen“ und auf verschiedene Hierarchieleitern verstreut werden. Zwar führt die Assoziationsrelation zu einem oder mehreren inhaltlich verwandten Begriffen, aber alle relevanten Begriffe zu einem Thema lassen sich so nicht auffinden.
Das ermöglichen die Begriffsgruppen. Sie ordnen Thesaurusbegriffe unter thematischen oder systematischen Aspekten. Auch sammlungsbezogene Gruppierungen oder andere pragmatische Zusammenstellungen von Begriffen können mit Hilfe von Kategorien gebildet werden. Katgeorien haben eine Baumstruktur wie Klassifikationen und bilden in der Regel den systematischen Teil des Thesaurus.
Aufbau von Begriffsgruppen
Die Begriffsgruppen sind ähnlich strukturiert wie traditionelle Klassifikationen oder Bibliothekssystematiken. Abb. 1 zeigt einen Ausschnitt aus der GND-Systematik (GND-Sachgruppen) für die Sachgruppe 6 Kultur, Erziehung, Bildung, Wissenschaft.
Begriffsgruppen können einander übergeordnet beziehungsweise untergeordnet sein.
Die Überordnung/Unterordnung von Begriffsgruppen führt zu einer baumartigen Sicht. Diese hierarchische Struktur ist aber im Gegensatz zur → Hierarchierelation der Begriffe nicht logik-basiert.
Beispiel aus Abb. 1, 6.1p: In einem Thesaurus würden „Personen” nicht „Kultur” untergeordnet, denn Personen sind keine Art Kultur.Die übergeordnete Begriffsgruppe schließt die untergeordnete Gruppe in ihrem Bedeutungsumfang vollständig ein. Sie sollte die Untergruppen, in verkürzter Form, ausdrücklich nennen.
Beispiel aus Abb. 1, 6: Die übergeordnete Gruppe „Kultur, Erziehung, Bildung, Wissenschaft” schließt die Untergruppen 6.1–6.5 vollständig ein und nennt sie explizit.Die untergeordnete Begriffsgruppe sollte so benannt werden, dass der Inhalt auch ohne den Kontext der übergeordneten Begriffsgruppe verständlich ist.
Beispiel aus Abb. 1, 6.1p: „Personen zu Kultur und Künsten, Geistes- und Kulturgeschichte” ist auch ohne die übergeordnete Gruppe verständlich. Eine Sachgruppe „Personen” wäre nicht endeutig.Begriffsgruppen werden immer vom Allgemeinen zum Spezifischen geordnet. Die inhaltlich umfassendere Begriffsgruppe bildet die übergeordnete Einheit, die thematisch engere Gruppe wird untergeordnet.
Beispiel aus Abb. 1: Die Gruppen werden mit jedem Unterteilungsschritt spezifischer, wie zum Beispiel 6, 6.1 und 6.1a.
Begriffsgruppen sollen sich möglichst nicht überschneiden.
Bei der Bildung von Begriffsgruppen sollte beachtet werden, dass diese nicht implizit unterschiedlichen Fundamentalkategorien angehören.
Beispiel aus Abb. 1: Die Gruppen 6.3 und 6.4 gehören nicht derselben inhärenten Kategorie an. „Unterricht” bezieht sich auf einen Prozess oder eine Aktivität (ontologisch ein Perdurant), während „Schule” in diesem Kontext eine Institution/Organisation (ontologisch ein Endurant) meint. Unterricht findet in Schulen oder Berufsausbildung statt, sodass die Zuordnung von Begriffen zu Gruppen nicht immer klar entscheidbar ist.Die Gruppe „Unterricht” überschneidet sich mit den Gruppen „Schule”, „Berufsbildung”.
Notationen für Begriffsgruppen
Notationen sind die künstlichsprachigen Bezeichnungen für die Begriffsgruppen. Sie werden zur Darstellung der systematischen Gliederung sowie zur Festlegung der Sortierreihenfolge der Gruppen verwendet.
Notationen können aus Buchstaben und/oder Ziffern bestehen. Die Begriffsgruppen des Standard-Thesaurus Wirtschaft bestehen zum Beispiel aus einem Buchstaben für die „Subthesauri” und einer Verkettung von Ziffern für die untergeordneten Gruppen.
BEISPIEL
Die Notation „V.13.07” im STW bedeutet „Berufsgruppen” und setzt sich zusammen aus dem Buchstaben „V” für Subthesaurus „Volkswirtschaft” und den Ziffern „13” für die Untergruppe „Arbeit” und „07” für die untergeordnete Gruppe „Berufsgruppen”.
Zuordnung von Begriffen zu Begriffsgruppen
Begriffe können einer oder auch mehreren Begriffsgruppen zugeordnet werden. Die → Zuordnungsrelation ist keine logische, paradigmatische Beziehung zwischen Begriffen wie die → Hierarchierelation. Sie ist vielmehr eine pragmatische, anwendungsspezifische Beziehung eines Begriffes zu einer Begriffsgruppe. Man kann diese Relation als eine der „Zugehörigkeit” oder „Mitgliedschaft” bezeichnen.
HINWEIS
Änderungen an den Beziehungen zwischen Begriff und Begriffsgruppe haben keine Auswirkung auf das Gebrauchsvokabular oder die damit vorgenommene Verschlagwortung. Es ändern sich nur die Zugangswege zum Vokabular.
Beispiele
Thesaurus Ethik in den Biowissenschaften
Im Thesaurus Ethik in den Biowissenschaften (Bioethik-Thesaurus) ist der Begriff Pferd zwei Sachgebieten zugeordnet, nämlich „IV Biologie” und „XI Land- und Forstwirtschaft, Tierhaltung und Ernährung”. Die Bezeichnung „Pferd” erscheint insgesamt drei Mal, zwei Mal im Sachgebiet „Biologie”, da sie polyhierarchisch mit „Nutzvieh” und „Säugetier” verknüpft ist.
Gemeinsame Normdatei
In der Gemeinsamen Normdatei der Deutschen Nationalbibliothek ist der Deskiptor Pferd mit zwei Stellen der GND-Sachgruppensystematik verbunden, nämlich „25.3 Spezielle Zoologie” und „32.6 Tierzucht, Tierhaltung”.
Zusätzlich ist der Begriff zwei Klassen der Dewey Dezimalklassifikation zugeordnet:
636.1-636.8 Einzelne Arten von Haustieren und
592-599 Einzelne taxonomische Gruppen von Tieren
Standard-Thesaurus Wirtschaft
Im Standard-Thesaurus Wirtschaft ist der Deskriptor Pferd unter „P.01.03 Tiere” in der Thesaurus-Systematik der „P Produkte” zu finden.
Information Retrieval
Die Ordnung von Begriffen zu Begriffsgruppen hat mehrere Funktionen. Zum einen ermöglichen Begriffsgruppen eine thematische Sicht auf das Vokabular und geben dadurch einen guten ersten Überblick über die inhaltlichen Schwerpunkte. Zum anderen bieten sie sich für einen Sucheinstieg und zum Navigieren im Vokabularbestand. Dieser Einstieg ist besonders geeignet, um sich grob zu orientieren oder um Ideen für eine präzise Suchanfrage zu bekommen.
Eine wichtige Rolle spielen die Themengruppen zudem bei der Zusammenführung inhaltlich zusammenhängender Begriffe, die in der hierarchischen Ordnung voneinander getrennt sind. Zum Beispiel sind Bauwerke, Kleidungsstücke, Aktivitäten oder Personen, die alle mit Religion und Kult zu tun haben, auf verschiedene Hierarchieleitern der jeweiligen Facette verteilt. In einer systematischen Gruppe „Religion und Kult” können alle Schlagwörter dieses Begriffsfeldes wieder „eingesammelt” werden, sodass inhaltlich verbundene Begriffe besser auffindbar sind.
Ganz allgemein sollten Begriffsgruppen vermieden werden, die nur aus ihrem Kontext zu verstehen sind, wie zum Beispiel ‘Sonstiges’, ‘Verschiedenes' etc. Deren Bedeutung lässt sich nur durch den Ausschluss der anderen gleichgeordneten Gruppen erschließen.
Vokabularverwaltung
Begriffsgruppen werden in xTree durch Auswählen von Typ „Kategorie” erzeugt. Siehe dazu Kapitel 3.2.2 → Typ des Vokabuarelementes.
Zusammenfassung
Begriffsgruppen (in xTree „Kategorie”) sind Vokabularelemente, die (meist) nicht zur Indexierung verwendet werden.
Sie können einander übergeordnet beziehungsweise untergeordnet sein.
Sie dienen der Gruppierung von Begriffen unter thematischen, systematischen oder pragmatischen Gesichtspunkten.
Die Zuordnung eines Begriffes zu einer Begriffsgruppe berührt nicht die semantischen Relationen zwischen Begriffen.
Begriffsgruppen eignen sich gut zur Navigation im Vokabular.
Siehe auch
https://digicult.atlassian.net/wiki/spaces/XTREE/pages/3045621780
https://digicult.atlassian.net/wiki/spaces/XTREE/pages/3045818400
https://digicult.atlassian.net/wiki/spaces/XTREE/pages/3320643597
Quellen
Hodge, Gail (2000):
Systems of Knowledge Organization for Digital Libraries: Beyond Traditional Authority Files
Subject categories are often used to group thesaurus terms in broad topic sets that lie outside the hierarchical scheme of the thesaurus. Quelle https://www.clir.org/pubs/reports/pub91/1knowledge/.
ANHANG
vocnet-Modell mit Fokus auf Begriffsgruppe (ConceptGroup)
Abb. 5 zeigt rot umrandet die Klasse „ConceptGroup” im vocnet-UML-Modell. ConceptGroup ist eine Wiederverwendung der gleichnamigen Klasse im ISO-Modell. Auf der Benutzeroberfläche von xTree heißt dieses Vokabularelement „Kategorie” (Begriffsgruppe).