3.1.1 Begriff

3.1.1 Begriff

Definition

Ein Begriff (englisch: concept) ist in diesem Kontext ein Vokabularelement, das zur Indexierung benutzt wird.

Ein Begriff ist die gedankliche Vorstellung von etwas, die Bedeutung, die sich mit einem sprachlichen Ausdruck verbindet. In der Wissensorganisation wird „Begriff” als Denkeinheit (englisch: unit of thought) definiert, die durch die gedachte Verbindung einiger oder aller Merkmale eines konkreten oder abstrakten, realen oder imaginären Objekts gebildet wird. Die Begriffsbildung ist also ein Abstraktionsprozess, bei dem individuelle Gegenstände aufgrund gleicher Merkmale zu allgemeinen Gegenständen zusammengefasst werden. In dem Sinne beschreibt auch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache einen Begriff als

wesentliche Merkmale einer Sache oder einer Gruppe von Erscheinungen, die zu einer gedanklichen Einheit zusammengefasst sind.

Begriffe sind die Kernelemente eines kontrollierten Vokabulars, seine Bausteine.

Auszug aus ISO 25964-1

2.11 concept

unit of thought

Concepts can often be expressed in a variety of different ways. They exist in the mind as abstract entities independent of terms used to express them. They range from the very simple, e.g. “child”, to the very complex, e.g. “child protection legislation”.

Terminologie

de: Begriff
en: concept

Erläuterung

Es sind also die Merkmale oder Eigenschaften eines Gegenstandes, die einen Begriff und seine Bedeutung bestimmen. Wenn Begriffe aber abstrakte Denkeinheiten sind, müssen sie irgendwie „ausgedrückt“ werden, um über sie kommunizieren zu können. Diese Aufgabe übernehmen die Bezeichnungen einer Sprache; sie „repräsentieren“ den Begriff, wie es in der Wissensorganisation heißt. Sie bilden den Begriff aber nicht exakt ab, weil sie das Gesagte und das Gemeinte nicht eins zu eins codieren. Das wird schon offensichtlich durch die unterschiedlichen Bezeichnungen für ein und denselben Begriff in verschiedenen Sprachen, wie „Katze“, „cat“ oder „chat“. Sie repräsentieren alle denselben Begriff KATZE.

Der Zusammenhang zwischen Bezeichnung, Begriff und Gegenstand wird im „semiotischen Dreieck“ dargestellt (Abb. 1). Die Bezeichnungen rufen die Vorstellung von einem Gegenstand, den Begriff hervor, den sie repräsentieren. Der Begriff hinwiederum bezieht sich auf den (konkreten oder abstrakten) Gegenstand. Das Dreieck verdeutlicht, dass Zeichen und Gegenstand nicht in direkter Beziehung zueinander stehen, sondern dass der Begriff zwischen Zeichen und Gegenstand vermittelt.

HINWEIS
Die Knoten im semiotischen Dreieck werden unterschiedlich benannt:
Bezeichnung kann auch Symbol, Zeichen, Wort, Ausdruck etc. heißen.
Begriff kann auch als Gedanke, Vorstellung oder Referenz bezeichnet werden.
Gegenstand kann auch Ding, Objekt, Sachverhalt, Denotat oder Referent genannt werden.

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Abb. 1: Das semiotische Dreieck

Begriffe entstehen durch Abstraktion von individuellen Gegenständen. Die notorisch mürrisch dreinblickende Katze Grumpy Cat und die Schiffskatze Oscar zum Beispiel sind Individuen, die bezüglich ihrer tierischen Merkmale in einem allgemeinen Gegenstand, dem Begriff KATZE, zusammengefasst sind.

Beide Individuen gehören zur Familie der Katzen innerhalb der Klasse der Säugetiere, die wiederum zu den Vierfüßern unter den Wirbeltieren aus dem Reich der Tiere zählen. Mit jedem höheren taxonomischen Rang wird stärker von den spezifischen Eigenschaften des Individuums abstrahiert.

Katzen wie Grumpy und Oscar erben einen großen Teil ihrer Merkmale jeweils von der nächsthöheren Klasse und diese wiederum von der ihr übergeordneten Klasse. Sehr vereinfacht dargestellt, ergeben sich aus der Hierarchie der taxonomischen Klassen wesentliche Eigenschaften von Katzen: Es sind Tiere, die eine Wirbelsäule und vier Beine haben, an Land als Räuber leben und ihre Jungen säugen. Solche wesentlichen Merkmale liegen meist Definitionen in Enzyklopädien oder Wörterbüchern zugrunde. Sie machen die Grundbedeutung, die „Denotation”, von Begriffen aus.

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Abb. 2: Unterschiedliche Konnotationen

Diese definitorischen Merkmale machen aber nicht die ganze Bedeutung von Begriffen aus. Es kommen fast immer auch subjektive oder gruppentypische Vorstellungen hinzu, die die Bedeutung von Begriffen modifizieren. Eine Tierliebhaberin zum Beispiel wird beim Wort „Katze” zuallererst an die zutraulichen Eigenschaften des Haustieres denken, während ein Tierarzt eher die Anatomie und Physiologie des Wirbeltieres im Kopf hat (Abb. 2).
Solche in der Sprachwissenschaft „Konnotationen” genannten Bedeutungen können individuell sein, aber auch als Konventionen vorkommen. Diese Konnotationen, die abhängig von Kontext oder Personengruppen unterschiedliche Vorstellungen hervorrufen, stellt die Objekt- und Dokumenterschließung vor besondere Aufgaben.

Begriffsarten und Beispiele

Allgemeinbegriff

Begriff, der individuelle Gegenstände hinsichtlich bestimmter Merkmale zu einer gedanklichen Einheit zusammenfasst, zum Beispiel KATZE, TISCH, LANDSCHAFT. Allgemeinbegriffe werden auch „generische Begriffe” genannt.

Individualbegriff

Begriff, der sich auf genau einen einzelnen Gegenstand, eine individuelle Entität bezieht, zum Beispiel eine bestimmte Person oder einen bestimmten Ort, ein benanntes Bauwerk, eine historische oder künstlerische Epoche, ein Musikstück und andere Arten von Entitäten.

Die Benennungen für Individualbegriffe sind in der Regel Eigennamen, wie zum Beispiel: Ludwig van Beethoven, Bonn, Beethoven-Haus, Wiener Klassik oder die Diabelli-Variationen.

Oberbegriff

Begriff, der alle ihm untergeordneten Begriffe in Inhalt und Umfang vollständig einschließt.

BEISPIEL
Katze
NT Kurzhaarkatze

In diesem Beispiel ist „Katze” der Oberbegriff und „Kurzhaarkatze” der Unterbegriff. Der Oberbegriff schließt den Unterbegriff vollständig ein, denn alle Kurzhaarkatzen sind Katzen.

Nur Thesauruseinträge vom Typ „Begriff” können Unterbegriffe sein.

Ob Begriffe in einer generischen Hierarchiebeziehung stehen, kann mit einem einfachen All-and-some-Test geprüft werden.

Unterbegriff

Begriff, der von seinem Oberbegriff in Inhalt und Umfang vollständig umfasst wird. Er hat alle Merkmale des Oberbegriffes und darüber hinaus mindestens ein weiteres, unterscheidendes Merkmal.

BEISPIEL
NT Glasvase
Vase

In diesem Beispiel ist „Glasvase” der Unterbegriff und „Vase” der Oberbegriff. Eine Glasvase hat alle Eigenschaften einer Vase und darüber hinaus das Merkmal, aus Glas gefertigt zu sein.

Nur Thesauruseinträge vom Typ „Begriff” können Unterbegriffe sein.

Geschwisterbegriff

Begriff, der mit einem anderen Begriff den direkten Oberbegriff gemeinsam hat. Geschwisterbegriffe sind also einander gleichgeordnet. Zum Beispiel haben „Kurzhaarkatze” und „Langhaarkatze” den gemeinsamen Oberbegriff „Katze”.

Vokabularmanagement

In einem elektronisch verwalteten Thesaurus ist ein Begriff ein Datensatz, der für die formale und inhaltliche Erschließung und die Suche verwendet wird. Jeder Begriffssatz hat eine lokal eindeutige Identifikationsnummer beziehungsweise einen weltweit eindeutigen URI sowie eine oder mehrere natürlichsprachige Bezeichnungen. Der Begriff KATZE zum Beispiel hat in der Gemeinsamen Normdatei (GND) den URI <https://d-nb.info/gnd/4030046-8>, die bevorzugte Bezeichnung „Katze” und die alternativen Benennungen Felis silvestris domestica, Felis catus und Hauskatze.

In xTree ist ein „Begriff" der Typ eines Vokabularelementes (Abb. 3)

Abb. 3: Ein Begriffssatz in xTree

Durch Auswahl von „Typ: Begriff” wird ein Datensatz für einen Begriff (auch: Begriffssatz; Deskriptorsatz) angelegt. Eine → Bevorzugte Bezeichnung (für jede Sprache) muss eingegeben werden, damit der Datensatz gespeichert werden kann. Ohne Bezeichnung wäre der Begriff bei einer Suche mit natürlicher Sprache nicht auffindbar.

Information Retrieval

Thesaurusbegriffe sind die Elemente, die für die Objekterschließung verwendet werden. Bei der Indexierung wird der Identifikator (bevorzugt ein URI) eines Begriffs in das entsprechende Datenfeld (Metadatenelement) eingetragen.

Die natürlichsprachigen Bezeichnungen werden für die Suche und Anzeige des Deskriptors in Infomationssystemen ausgewertet.

Zusammenfassung

  • In einem Thesaurus sind Begriffe die Kernelemente. Sie werden auch die „Bausteine” eines Vokabulars genannt.

  • Ein Begriff ist eine klar abgegrenzte gedankliche Einheit, die definiert werden kann und sollte.

  • Im Begriff sind gemeinsame Merkmale von Dingen oder Sachverhalten zusammengefasst.

  • Begriffe sind abstrakte, mentale Denkeinheiten, die durch natürlichsprachige Bezeichnungen repräsentiert werden.

  • Begriffe werden in einer Dokumentationssprache durch abstrakte Identifikatoren gekennzeichnet.

  • Für die Indexierung werden die Identifikatoren, bevorzugt weltweit eindeutige und dauerhafte HTTP-URIs, verwendet.

  • Für das Retrieval werden die natürlichsprachigen Bezeichnungen als Sucheinstiege angeboten.

Siehe auch

https://digicult.atlassian.net/wiki/x/FoAr6g

https://digicult.atlassian.net/wiki/x/FIB0FgE

Quellen

DIN 2330:1979 Begriffe und Benennungen. „Die gedankliche Zusammenfassung von individuellen Gegenständen zu gedachten allgemeinen Gegenständen führt zu Denkeinheiten, die als 'Begriffe' bezeichnet werden.”

DIN 2330:1979 Allgemeinbegriffe „entstehen dadurch, dass unterschiedliche individuelle Gegenstände hinsichtlich ihrer gemeinsamen Merkmale gedanklich zusammengefasst werden. So werden beispielsweise alle individuellen Menschen im Begriff ‚Mensch zusammengefasst.”

DIN 2330:2013 Begriffe und Benennungen – Allgemeine Grundsätze. „6.1 Allgemeinbegriff. Die gedankliche Zusammenfassung derjenigen Merkmale, die bei Gegenständen als gemeinsame Eigenschaften erkannt werden, führt zu Denkeinheiten, die man als ‚Allgemeinbegriffe bezeichnet. Ein Allgemeinbegriff muss nicht an bestimmte Sprachen gebunden sein; er ist jedoch von dem jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Hintergrund beeinflusst.” „6.2 Individualbegriff. Im Gegensatz zum Allgemeinbegriff, der eine Klasse von Gegenständen repräsentiert, steht der Individualbegriff immer nur für genau einen Gegenstand. Zur Bezeichnung von Individualbegriffen werden Namen verwendet.”

DIN 2342:2011 Begriffe der Terminologielehre.

„Begriff“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Begriff >, abgerufen am 10.01.2026.

Legewie, Heiner; Muhr, Thomas; Friese, Susanne: Interpretation von Text und Bild.
2. Vorlesung: Semiotik: Zeichen und Bedeutung. Bereitgestellt von ATLAS.ti

Kermani, Navid: Das generische Maskulinum. In: Habscheid et al. (2024): „Keine Sprache der Welt nennt jedes Mal alle Geschlechter, wenn von einer gemischten Personengruppe die Rede ist, das wäre für die Alltagssprache zu umständlich und für die Poesie zu sperrig. Das brauchen die Sprachen auch nicht, weil sie das Gesagte und das Gemeinte nicht eins zu eins codieren.” S. 32

ANHANG

UML-Modell aus ISO 25964 mit Fokus auf ThesaurusConcept

Abb. 4 zeigt rot umrandet die Eigenschaften der Klasse ThesaurusConcept (Begriff) und Relationen.

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Abb. 4: Begriff und seine Relationen im ISO-Modell