3.1.3.4 Facette
Definition
Eine Facette ist allgemein ein Aspekt oder Gesichtspunkt, unter dem ein Gegenstand betrachtet wird. In der Wissensorganisation werden Facetten zur Beschreibung gleichwertiger Merkmale eines Objektes verwendet (Merkmalsdimensionen). In diesem Kontext ist eine Facette ein Strukturelement zur Gliederung eines Vokabulars in grundlegende Aspekte (Fundamentalkategorien). Als Fundamentalkategorien werden häufig verwendet: Objekt, Material, Akteur, Ereignis, Ort und Zeit. Diese Facetten stehen jeweils an der Spitze einer Hierarchieleiter. Sie bilden die oberste Ebene eines Vokabulars.
Facetten werden durch Facettennamen bezeichnet. Sie werden nicht zur Indexierung verwendet.
HINWEIS
Begriffe einer Facette müssen derselben inhärenten Kategorie angehören.
Auszug aus ISO 25964-1:2011
grouping of concepts (2.11) of the same inherent category
Examples of high-level categories that can be used for grouping concepts into facets are: objects, materials, agents, actions, places and times.
cf. node label
Terminologie
de: Facette; Facettenname
en: facet; facet name; facet node
Erläuterung
Der Ausdruck Facette ist durch den Schliff von Schmucksteinen und aus der Zoologie für das Facettenauge von Insekten bekannt. Entstanden als Verkleinerungsform zu französisch „face”, das Gesicht, wird es in der Informationsorganisation in übertragener Bedeutung verwendet und meint die verschiedenen „Gesichter” eines Gegenstandes oder die verschiedenenen Aspekte, unter denen eine Sache betrachtet werden kann. In ähnlicher Bedeutung wie Facette werden die Ausdrücke Aspekt, Dimension, Gesichtspunkt oder Teilaspekt verwendet.
Facetten gruppieren Begriffe nach bestimmten Eigenschaften oder Merkmalen. Der Facettenname bezeichnet dabei das Merkmal, unter dem der Gegenstand betrachtet wird, zum Beispiel „Material”. Die Eigenschaft Material hat konkrete Ausprägungen, fachsprachlich „Werte” oder „Foci” genannt, wie zum Beispiel „Holz” oder „Metall”. Diese Werte sind die Begriffe des kontrollierten Vokabulars.
HINWEIS
Fundamentalkategorie als grundlegende Facette ist nicht zu verwechseln mit „Kategorie” als Bezeichnung für eine → Begriffsgruppe.
Anforderungen an Facetten
Die wichtigste Anforderung an Facetten ergibt sich aus ihrer Funktion im Information Retrieval. Facetten erlauben es, aus einer Ergebnismenge gezielt die Gegenstände herauszufiltern, die genau die gewünschten Eigenschaften besitzen. Das ist möglich, wenn die Werte der Facetten mit Werten anderer Facetten frei kombinierbar sind. Das wiederum setzt voraus, dass die Facetten disjunkt sind, also keine Werte gemeinsam haben. Um Überschneidungen von Werten zu vermeiden, wird immer nur ein Merkmal der zu analysierenden Objekte zur Bildung einer Facette herangezogen.
Wie werden Facetten gebildet?
Die Merkmale, die Gegenstände unter einem bestimmten Gesichtspunkt gemeinsam haben, sind die Grundlage für die Facettenbildung. Zur Ermittlung der relevanten Merkmale wird das Verfahren der „Facettenanalyse” angewandt.
Auszug aus ISO-25964-1:2011
analysis of subject areas into constituent concepts (2.11) grouped into facets (2.20), and the subdivision of concepts (2.11) into narrower concepts (2.11) by specified characteristics of division
Die zu beschreibenden Gegenstände werden auf charakteristische Merkmale untersucht, die für eine Recherche relevant sein können. Zur Beschreibung von Gemälden beispielsweise sind unter anderen Eigenschaften wie Material, Technik, Genre oder Stil interessant. Diese Merkmale überschneiden sich nicht und können daher als Facetten gewählt werden. Die entsprechenden Begriffe für „Material”, „Technik” etc. werden ihren jeweiligen Facetten untergeordnet. Dabei ist es entscheidend, dass nur Begriffe ein und derselben logischen Kategorie in einer Facette gruppiert werden, also nur Materialien unter „Material”, Techniken unter „Technik” etc.
Die Wahl von Fundamentalkategorien als Facetten ist zur Bildung regelkonformer Hierarchien sehr hilfreich. Regelkonform sind Hierarchien, wenn die Begriffe in einer logischen Beziehung der Über- oder Unterordnung zueinander stehen. Für eine → Generische Relation zum Beispiel muss immer gelten: A ist ein B, eine Windmühle ist eine Mühle. Nur Begriffe, die derselben Fundamentalkategorie angehören, können logischerweise diese Bedingung erfüllen. Ein Musiker (Akteur) zum Beispiel kann nicht eine Art von Musikinstrument (Objekt) sein.
Auszug aus ISO 25964-1:2011
11 Facet analysis
Facet analysis is useful in generating hierarchies that conform to the rules for hierarchical relationships […], because these relationships are valid only for concepts belonging to the same general category. The choice of facets can vary depending on the subject field, but at the highest levels it is usual to use fundamental categories such as objects, materials, agents, actions, places, times, etc. Where it is helpful to do so, these fundamental facets may be analyzed into subfacets down to the level required […].
Die fundamentalen Facetten können weiter in Sub-Facetten unterteilt werden. Diese bilden keine Fundamentalkategorien mehr ab und werden oft auch nicht als Facetten bezeichnet (siehe das Beispiel aus dem AAT im folgenden Abschnitt).
Beispiele für universal gültige Facetten
Art & Architecture Thesaurus
Die Getty Vocabulary Program ontology des Getty Research Institute definiert eine Facette als „One of the major divisions of a vocabulary. Example: Objects Facet (AAT) […].” Die acht Facetten des Art & Architecture Thesaurus (AAT) stehen an der Spitze des Vokabulars. Sie sind die Gliederungselemente auf der höchsten hierarchischen Ebene.
Associated Concepts Facet; Physical Attributes Facet; Styles and Periods Facet; Agents Facet; Activities Facet; Materials Facet; Objects Facet; Brand Names (Facet).
Sie bilden die wichtigsten Eigenschaften von Objekten der Kunst und Architektur ab, die zur Objektbeschreibung und zum Retrieval sinnvoll sind.
Abb. 1 zeigt am Beispiel der Facette „Physical Attributes” zwei Ebenen der hierarchisch untergeordneten Elemente. In der rechten Spalte ist der „Record Type” des jeweiligen Eintrages angegeben. Was im AAT mit „Record Type” bezeichnet wird, entspricht in xTree dem Typ eines Vokabularelementes.
Jede Facette des AAT wird weiter ausdifferenziert in eine Sub-Facette, die hier „hierarchy name” heißt. Im Beispiel der „Physical Attributes” sind es vier Sub-Facetten. Eine Sub-Facette kann entweder nochmals untergliedert werden in „Minifacetten”, die als „guide terms” in Winkelklammern angezeigt werden, oder aber direkt ein „concept” unter sich haben wie beispielsweise „colors (hues or tints)” in der Sub-Facette „Colors”.
Die „guide terms” im AAT umfassen auch „node labels”, das heißt es wird nicht explizit zwischen diesen beiden Elementen unterschieden. In xTree wird der Typ „guide term” dagegen spezifiziert in die Strukturelemente Node Label und Nicht-Indexierungsbegriff. Ein Node Label in Abb. 1 ist zum Beispiel <attributes and properties by general type>, ein Nicht-Indexierungsbegriff wäre <color and color-related phenomena>.
„Top of the AAT hierarchies” ist der Wurzelknoten des Thesaurus. Er hat den Record Type „hierarchy name”, der etwas irreführend ist, weil der Wurzelknoten selbst nicht Bestandteil des Vokabulars ist. Entsprechend hat er keine hierarchischen Beziehungen zu den Thesaurusdatensätzen. In der RDF-Darstellung ist er als „parent string” gekennzeichnet (siehe http://vocab.getty.edu/ontology#parentString).
Beispiele aus Klassifikationen
Weitere Beispiele sind
die Facetten PMEST (Personality – Matter – Energy – Space – Time) der Colon-Klassifikation
die Klassen an der Spitze des CIDOC Conceptual Reference Model (CIDOC CRM): Geschehendes – Seiendes – Ort – Zeitspanne – Maß
die Kategorien der Classification Research Group:
thing – kind – part – property – material – process – operation – patient – product – by-product – agent – space – timedie Facetten der Universal Decimal Classification, ausgewiesen in den Hilfstafeln: language – form – place – human ancestry, ethnic grouping and nationality – time – general characteristics: properties, materials, relations, processes, persons.
Information Retrieval
Facettierte Vokabulare erleichtern die Indexierung, indem sie strukturiert Werte für die Objektbeschreibung bereitstellen. Im Idealfall entsprechen die Facetten den Metadatenelementen der zu beschreibenden Objekte.
Im Retrieval haben Facetten für Suchoberflächen digitaler Sammlungen große Bedeutung gewonnen. Sie bieten eine komfortable Möglichkeit, Informationen gezielt aufzufinden, indem Suchergebnisse sukzessive durch Kombination der Merkmale verfeinert werden können. In dieser Funktion dienen Facetten als „Filter” für die Suchauswahl.
HINWEIS
Auch → Node Label zur Gruppierung von Begriffen in der Hierarchie können zum Filtern in facettenbasierten Systemen benutzt werden. Sie werden dann „Minifacetten” genannt.
Facettierte Suche an einem Beispiel
Ein Beispiel für die Anwendung von AAT-Deskriptoren ist der Katalog RKDimages. Es werden Landschaftsgemälde gesucht, die eine Windmühle abbilden.
Abb. 1 zeigt die Ergebnisse einer Freitextsuche nach „mill” mit etwa 3.500 Ergebnissen. Mithilfe der ausgewählten Filterwerte „windmill” für „Keywords”, „painting” für „Object category” und „landscape” für „Genre” konnte die Ergebnismenge sukzessive auf die gewünschten Objekte eingeschränkt werden. Neben Schlagwort, Objekttyp und Genre werden Zeit- und Ortsaspekte, Person, Material und Technik, Bildformat und weitere Facetten angeboten. So können in kurzer Zeit alle 248 Objekte herausgefiltert werden, die in der Datenbank zu Landschaftsgemälden mit Windmühlen zu finden sind.
An diesem Beispiel zeigen sich zwei bedeutende Vorteile des facettenbasierten Retrieval:
Es ist möglich, nur durch das Verfolgen von Links schnell zu einem vollständigen und präzisen Suchergebnis zu kommen.
Leere Treffermengen, das heißt null Treffer, können nicht vorkommen.
Die Qualität von Filtersuchen hängt dabei maßgeblich von der Qualität des Vokabulars und der Indexierung ab. Gute Suchantworten kann es nur geben, wenn die Facetten und ihre Werte sich nicht überschneiden und wenn die Werte konsistent vergeben werden.
Vokabularverwaltung
In xTree werden Facetten mithilfe des Strukturelements „Facette” angelegt. Dieses Element ist zur Gliederung des Vokabulars auf höchster hierarchischer Ebene gedacht, wie Objekt Material Akteur Ereignis Ort.
Facetten in xTree haben keine übergeordneten Elemente, das heißt keine skos:broader-Beziehungen. Sie stehen an der Spitze des Vokabulars. Direkt untergeordnet sind Begriffe oder eines der vier Strukturelemente.
Zusammenfassung
Facetten sind allgemein Merkmale eines Gegenstandes unter einem bestimmten Aspekt betrachtet.
Begriffe einer Facette müssen derselben inhärenten Kategorie angehören.
Domänenübergreifende Vokabulare legen der Facettierung in der Regel universelle Fundamentalkategorien zugrunde.
In Online-Katalogen werden Facetten je nach Gegenstand und Anwendungszweck spezifisch definiert.
Ein facettiertes Vokabular ermöglicht eine facettierte Suche beziehungsweise Facetten-Navigation im Information Retrieval.
Sogenannte „Minifacetten” können mit Hilfe von → Node Label dargestellt werden.
Siehe auch
5.1 Registerkarte "Grunddaten" (Im Aufbau)
ANHANG
Tabelle 1: Facetten im Art & Architecture Thesaurus
Facettenbezeichnung | Erläuterung |
|---|---|
Assoziierte Begriffe (Facette) | Die Facette „Assoziierte Begriffe” im Art & Architecture Thesaurus umfasst abstrakte Begriffe, die in inhaltlicher Beziehung zu konkreten Gegenständen, wie zum Beispiel Objekten und Materialien, stehen. HINWEIS |
Physische Attribute (Facette) | Die Facette der physischen Merkmale und Eigenschaften enthält wahrnehmbare oder messbare Eigenschaften von Materialien und Gegenständen, wie zum Beispiel Größe und Form, chemische Eigenschaften, Qualität der Textur sowie Farbe. |
Stile und Perioden (Facette) | Diese Facette enthält Allgemeinbegriffe für historische Epochen, Kunststile und Kunstrichtungen, Kulturgruppen und dergleichen. |
Akteure (Facette) | Diese Facette enthält Allgemeinbegriffe für Eigenschaften von Personen, Personengruppen oder Organisationen wie Typ, Beruf, Funktion, soziale Rolle etc. Sie schließt auch Bezeichnungen für Tiere und Pflanzen ein. Individuen, zum Beispiel einzelne Personen, werden in jeweils einer eigenen untergeordneten Facette erfasst. |
Aktivitäten (Facette) | Diese Facette umfasst Allgemeinbegriffe für Ereignisse und Tätigkeiten sowie Verfahren und Techniken. Enthalten sind hier auch Wissenschaftsdisziplinen. |
Material (Facette) | Die Materialfacette umfasst physische Substanzen natürlichen oder synthetischen Ursprungs. Diese reichen vom spezifischen Material bis zu Materialtypen und von Rohmaterialien bis zu bearbeiteten Materialien, die zum Beispiel bei der Herstellung von Bauwerken oder Objekten benutzt werden. |
Objekte (Facette) | Die Facette der Objekte umfasst Allgemeinbegriffe für dingliche und sichtbare Gegenstände, die unbelebt und von Menschen geschaffen sind, wie zum Beispiel Bauwerke, Bilder oder Schriftdokumente. Auch Merkmale von Landschaften können in die Objektfacette fallen, wenn sie im Zusammenhang mit der gebauten Umwelt stehen. |
Markennamen (Facette) | Enthält Namen für Materialien, Prozesse und Objekte, deren Namen markenrechtlich geschützt sind, soweit dies für die Katalogisierung visueller Werke erforderlich ist. |
UML-Modell aus ISO 25964 mit Fokus auf TopConcept
Die rot umrandete Klasse TopLevelRelationship des ISO-Modells kennzeichnet alle Begriffe, die keinen Oberbegriff mehr haben, das heißt an der Spitze einer Hierarchie stehen. In einem Vokabular in xTree, das das Strukturelement „Facette” benutzt, bilden diese Facettenbegriffe die Spitze der Hierarchien.
Referenzen
DIN 31 623:1988 – Indexierung zur inhaltlichen Erschließung von Dokumenten.
Eine Fundamentalkategorie ist das Ergebnis der Teilung universeller Begriffe in allgemeine Teile, die im Prinzip auf alle Begriffsfelder anwendbar ist. Solche Fundamentalkategorien sind beispielsweise: Material (Stoff), Eigenschaft, Vorgang, Vorrichtung, Lebewesen.
Getty Vocabulary Program: Art & Architecture Thesaurus – Top of the AAT hierarchies
Note: This is the top or "root" of the AAT hierarchy; under the root are the "facets." Sub-facets (called "hierarchies") and guide terms further organize the thesaurus. The scope of AAT includes generic terms, dates, relationships, and other information […] for work types, roles, materials, styles, cultures, techniques, subject, etc., so long as the terms fit into the established facets of AAT.