Von wortbasierten zu begriffsbasierten Thesauri

Von wortbasierten zu begriffsbasierten Thesauri

Über Begriffe, Bezeichnungen und irrtümliche Konzepte

Der schönste Kunstgriff des menschlichen Geistes, die Erfindung von Begriffen, ist die Quelle fast all seiner Irrtümer. [Antoine de Rivarol (1753–1801)]

Vermächtnisse und falsche Freunde

Ausgerechnet die Terminologie der Terminologielehre ist unsicher geworden. Und ausgerechnet trifft es das wichtigste Element von Thesauri, den ‘Begriff’. Die seit einem halben Jahrhundert in der Dokumentation etablierte Bezeichnung wird zunehmend durch den Ausdruck ‘Konzept’ ersetzt. Ob als falscher Freund für das englische concept, ob unbedacht aus der Sprachwissenschaft entlehnt oder weil es einfach gebildeter klingt – es gibt keinen nachvollziehbaren Grund für diesen Wandel. Aber der ‘Begriff’ ist nicht aus der Welt, sondern wird nun meist als Ausdruck für „Bezeichnung“ gebraucht.

Mittlerweile werden diese Fachtermini so beliebig benutzt, dass ihre Bedeutung unklar geworden ist. Hier haben wir also einen Fall für die → Terminologische Kontrolle.

Die Unstimmigkeiten haben eine längere Geschichte. Sie haben ihren Ursprung in der Entwicklung und Differenzierung von Thesauri und Thesaurusmodellen mit der sich ändernden Informationswelt. Erste Thesauri stammen aus den späten 1950er Jahren, erste Standards gibt es seit 1974, als die technischen Möglichkeiten der Darstellung und Nutzung von Indexierungssprachen noch vergleichsweise beschränkt waren. Mit der Entstehung digitaler Instrumente zur Verwaltung und Nutzung von Vokabularen ergaben sich neue Sichtweisen auf die Modellierung von Wissensorganisationssystemen, wie die Dokumentationssprachen jetzt meist genannt wurden.

Concept vs. Term

Die Verwechslung von ‘concept’ und ‘term’ begann spätestens mit dem einflussreichen TEST-Thesaurus (Thesaurus of Engineering and Scientific Terms). 1967 herausgegeben vom United States Department of Defense, entstand der Thesaurus aus dem Wunsch nach einem interdisziplinären Vokabular, das den neuen Anforderungen an „information storage und retrieval“ gerecht würde. Bei der Erstellung des Vokabulars wurde deutlich, dass ein einheitliches Format und Richtlinien fehlten. Im Zusammenhang mit dem TEST-Projekt wurden diese formalen Grundlagen für die Thesaurusarbeit gelegt.

Im folgenden Ausschnitt aus der Dokumentation zum TEST-Thesaurus ist klar formuliert, dass „single concepts“ das Ziel sind und die Terme diese nur repräsentieren. Das war das eigentliche Novum.

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Abb. 1: Auszug aus Dokumentation zum TEST-Thesaurus, 1967

Dennoch wird die Terminologie, die sich in früheren Vokabularen etabliert hatte, nicht entsprechend angepasst. Zum Beispiel gibt es weiterhin die Bezeichnung ‘Broader Term’ mit dem Kürzel BT, obwohl laut Definition ‘concepts’, also ‘Begriffe’ gemeint sind.

The BROADER TERM reference (BT) is employed to refer from a term representing a member of a class (or classes) of concepts to any term(s) in the thesaurus representing that class or classes. [Quelle, S. 145]

Die Bezeichnungen des TEST-Formats sind genau so in die etwas später entwickelten ISO-Standards eingegangen und haben sich bis zum aktuellen Standard 25964 von 2011 gehalten.

Konzept vs. Begriff

Was in englischsprachigen Thesaurusstandards ‘concept’ hieß, wurde in entsprechenden deutschen Normen mit ‘Begriff’ wiedergegeben. Etwa in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts tauchte im Deutschen jedoch zunehmend die Bezeichnung ‘Konzept’ auf, wenn eigentlich vom ‘Begriff’ die Rede war.

Nun existiert das Wort ‘Konzept’ ja im Deutschen. Es hat nur eine andere Bedeutung als ‘Begriff’ und meint: Plan, Entwurf, Skizze, ideale Vorstellung von etwas (DWDS, Konzept). Der Ausdruck ‘Begriff’ dagegen bezieht sich auf „wesentliche Merkmale einer Sache oder einer Gruppe von Erscheinungen, die zu einer gedanklichen Einheit zusammengefasst sind“ (DWDS, Begriff). Das ist genau das Verständnis von ‘Begriff’, das Thesauri und anderen kontrollierten Vokabularen („Begriffssystemen“) zugrunde liegt.

In einem Zweig der Linguistik, der „mentalistischen Semantik“, wird dagegen eine Unterscheidung zwischen ‘Konzept’ und ‘Begriff’ getroffen. Auszug aus dem Begriffswörterbuch Semantik (Löbner 2015):

Begriff (term; engl. concept bedeutet sowohl ‚Begriff‘ als auch Konzept). Lexikalisiertes Konzept. Mit ‚Begriff‘ ist zugleich das Konzept und das Wort gemeint. Nicht für jedes Konzept gibt es einen Begriff im Lexikon einer Sprache.

Konzept (concept). Die kognitive Repräsentation eines einzelnen Objekts oder einer kognitiven Kategorie. In der mentalistischen Semantik sind die Bedeutungen sprachlicher Ausdrücke Konzepte.

Die Definition von ‘Konzept’ entspricht hier dem Verständnis von ‘Begriff’ in der Wissensorganisation. Die Beschreibung von ‘Begriff’ weicht dagegen vollkommen vom Verständnis der Begriffslehre ab; diese ist aber für kontrollierte Vokabulare maßgeblich.

Begriff vs. Bezeichnung

Auch die Gebrauchssprache trägt zu einer Mehrdeutigkeit des Wortes ‘Begriff’ bei. Im Alltag, zum Beispiel in Printmedien, steht ‘Begriff’ häufig für das sprachliche Zeichen, die Bezeichnung. Der Duden zählt entsprechend „Ausdruck, Benennung, Bezeichnung, Terminus, Wort“ als andere Wörter für Begriff auf.

In der Terminologielehre hat ‘Begriff’ aber eine andere Bedeutung: Hier ist nicht das konkrete sprachliche Zeichen gemeint, sondern der „abstrakte Gehalt von etwas“, eine abstrakte Vorstellung davon, was eine Bezeichnung repräsentiert,

Nun wären diese sprachlichen Unstimmigkeiten nicht weiter problematisch, wenn die Bedeutungen der Ausdrücke sich unmissverständlich auf ein und dieselbe Sache beziehen ließen. In der Praxis kommt es aber zunehmend zu einer Vertauschung der Ausdrücke „Konzept, Begriff, Bezeichnung“. So werden sie unterschiedlich verwendet beispielsweise in Thesaurusdokumentationen oder in Einführungen und Workshops zu Vokabularen.

Things, not strings

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Menschen in Deutschland, England oder Russland werden wahrscheinlich unterschiedliche Bilder vor Augen haben, wenn sie das sprachliche Zeichen für ‘Hund’, ‘dog’ oder ‘собака’ lesen oder hören. Deutsche denken vielleicht eher an den Schäferhund, Briten an einen Greyhound und in Russland mögen viele den Laika im Kopf haben (oder vielleicht sogar die berühmte Weltraumhündin Laika, die allerdings nicht zu dieser Hunderasse gehörte). Die Menschen können sich trotz der unterschiedlichen Zeichensysteme aber dennoch verständigen, weil sie an das „Ding“ denken, das durch bestimmte Merkmale gekennzeichnet ist: Es ist ein Tier, hat vier Beine, einen Schwanz, ein Fell und bellt.

Die terminologische Unklarheit verwirrt auch KI

DeepL

Die terminologische Unbestimmtheit dieser Ausdrücke hat auch Übersetzungsprogramme wie DeepL verunsichert: ‘Begriff’ wird zum Beispiel mit Englisch ‘term’, Französisch ‘terme’ und Russisch ‘термин’ (termin) wiedergegeben. Das geeignete russische Wort für Begriff ist dagegen ‘понятие’ (ponjatije); bei der Rückübersetzung von ‘понятие’ ins Deutsche findet die KI dann aber doch das richtige Wort ‘Begriff’.

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Abb. 2: Übersetzung einer Passage aus einem ISO-Standard ins Deutsche durch DeepL (2026-02-10)

Ein lesenswerter Aufsatz von Michael Uschold über „Importance of Distinguishing between Terms and Concepts“ ist in der deutschen Google-Übersetzung („Bedeutung der Unterscheidung zwischen Begriffen und Konzepten“) kaum mehr verständlich. Wenn sich eine Trias von Bezeichnungen unkontrolliert auf genau zwei Dinge bezieht, sind Irrtümer nicht zu vermeiden.

ChatGPT

Auch ChatGPT kann KONZEPT, BEGRIFF und BEZEICHNUNG offenbar nicht klar auseinanderhalten:

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Abb. 3: ChatGPT definiert Konzept, Begriff, Bezeichnung in der Terminologiearbeit (Mai 2026)

Ein Begriff soll die Benennung eines ‘Konzepts’ sein und eine Bezeichnung die konkrete sprachliche Form des ‘Begriffs’. Da stellt sich die Frage: Wo ist der Unterschied zwischen einer Benennung und einer sprachlichen Form? „In der Terminologiearbeit muss man sauber unterscheiden“, meint ChatGPT völlig zu Recht, und macht mit seiner Antwort die begriffliche Verwirrung perfekt.

Das wird nicht besser dadurch, dass das LLM in einem Chat über Wissensorganisation den Ausdruck „Konzeptbegriff“ erfindet. Auf Nachfrage zeigt sich die KI lernfähig und definiert korrekt:

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Abb. 4: Antwort von ChatGPT auf eine Rückfrage (Juni 2026)

Term-based vs. concept-based

https://www.w3.org/2001/sw/Europe/reports/thes/

The SKOS vocabulary considers that the 'Concept' is the fundamental unit of a thesaurus or simple KOS. Concepts have labels (indicating terms) and there are relationships between concepts that say something about how they are related to each other. [https://www.w3.org/2001/sw/Europe/reports/thes/1.0/guide/20040504/ ]

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Abb. : Auszug aus Felber, Terminologie in Theorie und Praxis, 1989

W3C-Empfehlung RDF 1999

Schon im ersten deutschen Thesaurus-Standard wurde zwischen „Begriff und „Bezeichnung als dem Repräsentanten eines Begriffes unterschieden.