Ein Wort vorab
Über Begriffe und Konzepte
Vermächtnisse und falsche Freunde
Ausgerechnet in der Terminologie der Terminologielehre ist es zu Unsicherheiten gekommen. Und ausgerechnet trifft es den wichtigsten Baustein von Thesauri, den „Begriff”. Das Wort „Begriff” wird im Vokabularmanagement zunehmend durch „Konzept” ersetzt.
Die Unstimmigkeiten haben eine längere Geschichte. Sie haben ihren Ursprung in der Entwicklung und Veränderung der Thesaurusmodelle mit der sich ändernden Informationswelt. Erste Thesaurusstandards stammen aus den 1960er Jahren, als die technischen Möglichkeiten der Darstellung und Nutzung von Indexierungssprachen noch sehr beschränkt waren. Mit der Entstehung digitaler Instrumente zur Verwaltung und Nutzung von Vokabularen ergaben sich neue Sichtweisen auf die Modellierung von Wissensorganisationssystemen, wie die Dokumentationssprachen jetzt genannt wurden.
Term vs. Concept
Standen in der Vokabularverwaltung bis zum Anfang der 2000er Jahre die „Terme”, also die Bezeichnungen im Mittelpunkt, so wurden nun die „Begriffe” zum zentralen Element.
Konzept vs. Begriff
Was in deutschen Vokabularnormen seit etwa siebzig Jahren „Begriff” heißt, wird in britischen und amerikanischen Standards „concept” genannt. Irgendwann in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts tauchte im Deutschen zunehmend die Bezeichnung „Konzept” auf, wenn „Begriff” gemeint war. Es liegt nahe zu vermuten, dass es sich dabei um einen „falschen Freund” des englischen „concept” handelt, ähnlich wie wir es bei der Übersetzung von „collection” mit „Kollektion” gesehen haben.
Nun existiert das Wort „Konzept” ja im Deutschen. Es hat aber eine andere Bedeutung als „Begriff” und meint: Plan, Entwurf, Skizze, ideale Vorstellung von etwas (DWDS, Konzept). Der Ausdruck „Begriff” dagegen bezieht sich auf „wesentliche Merkmale einer Sache oder einer Gruppe von Erscheinungen, die zu einer gedanklichen Einheit zusammengefasst sind” (DWDS, Begriff). Das ist genau das Verständnis von „Begriff”, das Thesauri und anderen kontrollierten Vokabularen („Begriffssystemen”) zugrunde liegt.
Begriff vs. Bezeichnung
Auch die Gebrauchssprache trägt zu einer Mehrdeutigkeit des Wortes „Begriff” bei. Im Alltag, zum Beispiel in Printmedien, steht „Begriff” häufig für das sprachliche Zeichen, die Bezeichnung. Der Duden zählt entsprechend „Ausdruck, Benennung, Bezeichnung, Terminus, Wort” als andere Wörter für Begriff auf.
In der Terminologielehre hat „Begriff” aber eine andere Bedeutung: Hier ist nicht das konkrete sprachliche Zeichen gemeint, sondern der „abstrakte Gehalt von etwas”, eine abstrakte Vorstellung davon, was eine Bezeichnung repräsentiert,
Nun wären diese sprachlichen Unstimmigkeiten nicht weiter problematisch, wenn die Bedeutungen der Ausdrücke sich unmissverständlich auf ein und dieselbe Sache beziehen ließen. In der Praxis kommt es aber zunehmend zu einer Vertauschung der Ausdrücke „Konzept, Begriff, Bezeichnung”. So werden sie unterschiedlich verwendet beispielsweise in Thesaurusdokumentationen oder in Einführungen und Workshops zu Vokabularen.
Die terminologische Unbestimmtheit dieser Ausdrücke hat auch Übersetzungsprogramme wie DeepL verunsichert: „Begriff” wird zum Beispiel mit Englisch „term”, Französisch „terme” und Russisch „термин” (termin) wiedergegeben. Das geeignete russische Wort für Begriff ist dagegen „понятие” (poljatije); bei der Übersetzung von „понятие” ins Deutsche findet ChatGPT dann aber doch das richtige Wort „Begriff”. Ein Beispiel für eine Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche:
„Includes terms for all abstract concepts” – „Umfasst Begriffe für alle abstrakten Konzepte”
Things, not strings
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Menschen in Deutschland, England oder Russland werden wahrscheinlich unterschiedliche Bilder vor Augen haben, wenn sie das sprachliche Zeichen für „Hund”, „dog” oder „собака” lesen oder hören. Deutsche denken vielleicht eher an den Schäferhund, Briten an einen Greyhound und in Russland mögen viele den Laika im Kopf haben (oder die berühmte Weltraumhündin Laika, die allerdings nicht zu dieser Hunderasse gehörte). Die Menschen können sich trotz der unterschiedlichen Zeichensysteme aber dennoch verständigen, weil sie an das „Ding” denken, das durch bestimmte Merkmale gekennzeichnet ist: Es ist ein Tier, hat vier Beine, einen Schwanz, ein Fell und bellt.
Die Terminologie in diesem Handbuch richtet sich nach den deutschen Standards für Begriffssysteme. Es wird also die Bezeichnung „Begriff” benutzt, wenn das Kernelement eines Thesaurus gemeint ist. Sie entspricht in der Bedeutung genau der englischen Bezeichnung „concept” im Kontext der Vokabulararbeit.